30.12.2017

torgranate-Analyse: FC Bayern Alzenau

Schlussklatschen verhindern Traum-Halbjahr

Für Angelo Barletta ist Christopher Krause (rechts) ein "cooler Typ, der immer Vollgas gibt". Foto: Steffen Turban

Der FC Bayern Alzenau überwintert in der Hessenliga mit 36 Punkten auf dem vierten Tabellenplatz. Nach dem 0:5-Denkzettel am dritten Spieltag in Hadamar starteten die Unterfranken eine imposante Serie mit vierzehn Spielen ohne Niederlage in Folge. Am Ende ging der Barletta-Elf allerdings die Luft aus. Mit den Klatschen in Griesheim und Waldgirmes wurde das Gesamtbild auf den letzten Metern etwas eingetrübt.

So lief die bisherige Runde:

Dem Matchplan folgend galt es für die "kleinen Bayern", diverse einschneidende Ereignisse zu "meistern". Am dritten Spieltag kam der Weckruf zur rechten Zeit, als der FC beim SV Rot-Weiss Hadamar mit 0:5 sang- und klanglos unterging. Trainer Angelo Barletta schien daraufhin die richtigen Worte gefunden zu haben, denn es folgte eine Mega-Serie mit vierzehn aufeinanderfolgenden Partien ohne Niederlage. Die abschließend heftigen Ohrfeigen von Viktoria Griesheim (2:5) und dem FC Waldgirmes (2:4) führte Barletta in erster Linie auf den einsetzenden Kräfteverschleiß zurück: "Gegen Ende haben uns die Körner gefehlt. In den Spielen zuvor sind wir oft Rückständen hinterher gerannt und haben sie noch gedreht. Die beiden letzten Spiele für sich betrachtet zeigen ein verzerrtes Bild."

Schwer im Magen liegt Alzenau das langwierige Verletzungspech. Nach Neuzugang Dennis Kallina, der aufgrund eines Kreuzbandrisses zu nur vier Einsätzen kam, musste auch Top-Scorer Salvatore Bari Ende November mit der gleichen Verletzung unters Messer: "Wegen seines Studiums hätte Dennis sowieso aussetzen müssen und wir hätten ihn nur sporadisch bringen können. Aber es ist für ihn selbst natürlich äußerst schmerzlich. Und einen so prägnanten Stürmer wie Salvatore kannst Du nur schwerlichst kompensieren. Das gleiche Problem hätte Bayern München mit Robert Lewandowski." Von seinem Innenbandteilanriss aus dem Auftaktspiel gegen den FC Lohfelden gerade erst genesen, zog sich Bari einen Riss des vorderen Kreuzbandes beim Heimspiel gegen den Hessenliga-Aufsteiger Spvgg. Neu-Isenburg zu.

So haben die Neuzugänge eingeschlagen:

Kallinas Kreuzbandriss stoppte den Neuzugang von Viktoria Aschaffenburg schon nach vier Spielen aus. Zwischen den Pfosten steht mit Ioannis Takidis ein sehr erfahrener Keeper, der von Rot-Weiss Frankfurt den Weg an die Prischoßstraße fand. "Gesucht haben wir einen soliden Führer in der Abwehr. Ich habe Ionannis gesagt, dass er die unhaltbaren Dinger nicht mehr aus dem Winkel fischen muss. Aber auch das tut er. Außerdem ist er top in der Strafraumbeherrschung und mehr als eine Bereicherung für uns", ist Barletta von dem 36-Jährigen begeistert, der alle 19 Punktspiele bestritten hat.

Dass sowohl Can Cemil Özer (vom FK Pirmasens) mit sieben Toren als auch Christopher Krause (von Viktoria Kelsterbach), der neunmal ins Schwarze traf, einschlagen würden, hätte Alzenaus Übungsleiter so nicht erwartet: "Dass der Can aus der Regionalliga was mitbringen würde, war mir klar. Aber für Christopher ist es das zweite Jahr in der Hessenliga. Er ist für mich die Überraschung schlechthin. Ein cooler Typ, der immer Vollgas gibt." Dem 26-Jährigen glückten bei den Heimspielen gegen den FC Ederbergland (6:0) und gegen den SV Steinbach (5:0) gleich zwei Dreier innerhalb von vier Wochen.

Ebenfalls so nicht zu erwarten war, wie gut Keanu Hagley eingeschlagen und sich unverzichtbar gemacht hat. Vom Süd-Verbandsligisten TS Ober-Roden aus der Jugend kommend, brachte es die Defensivkraft auf 16 Spiele und erzielte sogar ein Tor: "Er ist neben Chris Krause die große Überraschung. Er zeigt Willen und Leidenschaft und ist zu 100 Prozent ein Teamplayer", stellt Barletta dem 19-Jährigen ein hervorragendes Zwischenzeugnis aus. Philipp Wörner, der ebenfalls aus der Jugend - und zwar von Eintracht Frankfurt - zu den Grenzregionern gestoßen ist, konnte bislang zwei Einsätze verzeichnen.

In Erinnerung bleibt:

Bei Barletta bleiben eine äußerst negative Erinnerung und der Tabelle entsprechend mehr Highlights haften. "Das klare Negativerlebnis war natürlich das 0:5 in Hadamar. Es hat uns aber zur rechten Zeit wachgerüttelt. Oft haben wir anschließend zurück gelegen, um Spiele dann aber noch zu drehen. Am meisten hat mich das Auftreten und die Moral meiner Mannschaft in Watzenborn (1:0), Baunatal (2:1) und in Flieden (4:3) beeindruckt. Was die Jungs da geleistet haben, das war schon klasse. Da haben wir richtig als Team gearbeitet und die Spiele verdient gewonnen."

Ausgerechnet gegen Barlettas Ex-Club riss mit der 2:5-Niederlage beim SC Viktoria Griesheim der Erfolgs-Faden. Umgekehrt starteten die Schützlinge von Jetzt-Trainer Peter Seitel ihren Turnaround. Kurz vor Weihnachten sorgte Aret Demir, Alzenaus Mittelfeldregisseur, für die jüngste Neuigkeit. Der 22-Jährige, den Barletta zur Saison 2016/17 von Viktoria Griesheim mit nach Unterfranken brachte, verkündete über Nacht völlig überraschend, dass er den Verein verlassen und in der Regionalliga Fuß fassen wolle. Der Ausgang zur Akte Demir bleibt offen. Schließlich läuft der Vertrag des Armeniers offiziell noch eineinhalb Jahre.

Ausblick:

Für den Rest der Saison wünscht sich Barletta, dass "wir da oben so lange es geht mithalten. Wir haben keinen Druck. Anders als im Einzelsport müssen die bestbestücktesten Mannschaften nicht zwangsläufig ganz oben stehen. Mit Taktik, Leidenschaft und Willen lässt sich sehr viel bewegen. Die anderen wollen wir schon noch ganz schön ärgern." Mit dem FC Bayern Alzenau geht der Deutsch-Italiener jetzt in seine zweite Saison. Seine erste Runde schloss er mit einem hervorragenden vierten Platz ab: "Da hatte uns keiner auf der Rechnung und irgendwann waren wir der Geheimfavorit. Das zweite Jahr ist für einen Spieler oder einen Trainer immer das Schwierigste, weil die zuvor gezeigten Leistungen bestätigt werden sollen. Stand jetzt bin ich mit dem Verlauf mehr als zufrieden."

Der Tatsache, dass die mittlerweile überschaubare Kadergröße - nicht zuletzt wegen der Langzeitverletzten Bari und Kallina sowie dem abwanderungswilligen Demir - zum Problem werden könnte, ist sich der Übungsleiter bewusst. Der 40-Jährige nimmt das aber relativ locker, im Gegenteil stellt er sich in puncto Geschäftspolitik eins zu eins vor die Verantwortlichen: "Das Budget wurde vor der Saison ganz klar formuliert. Der Vorstand hat da von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Um weiter konkurrenzfähig zu sein und oben mitspielen zu können, müssen wir eben von weiteren größeren Verletzungen verschont bleiben." Damit trifft der Chefcoach den Nagel auf den Kopf. Denn wenn das Verletzungspech ausbleibt und nicht mehr so viele Spiele so wie vor der Winterpause über kräfteraubenden Mehreinsatz gedreht werden müssen, dann sollte der FC Bayern Alzenau zumindest zum Thema Aufstiegs-Relegationsplatz zur Regionalliga noch ein gewaltiges Wort mitreden dürfen.

Autor: Christoph Wess

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