16.04.2018

Nur auf den ersten Blick fremdbestimmt

Schiedsrichter-Talent Julia Boike im Porträt

Julia Boike geht ihren Weg als Schiedsrichterin fokussiert. Foto: Rene Gerhard

Ein sicheres Indiz, dass es Julia Boike gerade gut geht? Wenn sich kleine Grübchen nahe den Mundwinkeln abzeichnen. Und wenn die 22-Jährige über ihr liebstes Hobby spricht, passiert das auffallend oft. Boike ist Schiedsrichterin, gilt als großes Talent und verfolgt hohe Ziele.

Ortstermin in Gelnhausen. Boike hatte die Wahl, in welchem Restaurant gespeist wird. Relativer Heimvorteil. Gewählt wurde ein schicker Italiener, rein vom Ambiente kaum hineinpassend inzwischen der Betonbauten nahe des Gelnhäusner Bahnhofs. Boike geht auf Nummer sicher, schickt per WhatsApp noch einmal den genauen Treffpunkt inklusive kleiner Zeichnung. Ich bin pünktlich, Boike überpünktlich. Einmal hatten sich bislang die Wege gekreuzt: Bei einem Aufstiegsspiel zur Gruppenliga in Kerzell vor über zweieinhalb Jahren. Anschließend bestand unregelmäßiger Kontakt mit dem lang gehegten Ziel, sich einmal eingehend über ihr liebstes Hobby auszutauschen.

Doch die Terminfindung gestaltete sich als äußert schwierig, über ein halbes Jahr verging, bis sich bei Boike ein passendes Zeitfenster zwischen Abgabe der Bachelor-Thesis und dem DFB-Länderpokal der Frauen fand. Gar drei Termine binnen fünf Tagen standen plötzlich zur Auswahl. Einer freundschaftlichen Begrüßung am Parkplatz folgend, wies Boike eilig den Weg ins Restaurant, um sich gleich dafür zu entschuldigen, dass ein Informatiker ihres Arbeitgebers vorbeischauen würde, um ihr Smartphone an sich zu nehmen. Die dienstlichen E-Mails sollen dort wieder empfänglich sein, schließlich wäre sie sonst während der Woche beim Länderpokal in Duisburg von der beruflichen Außenwelt abgeschnitten.

Jenes iPhone also, das so lange dafür verantwortlich schien, dass ein Interview nicht zustandegekommen konnte. Denn dieser Kalender plant Boikes Leben. Studium, Job als Marketing-Leiterin eines Sanitätshauses in Gelnhausen, das im ganzen Rhein-Main-Gebiet tätig ist, die Schiedsrichterei, ihr Privatleben in der Heimatstadt Altenstadt. Die 22-Jährige ist viel beschäftigt, extrem ehrgeizig und ständig fokussiert.

Contenance geht nie verloren

Während des zweistündigen Gesprächs lässt sie die Gedanken und den Blick nie schweifen, ist im Kopf ständig präsent, verliert nie den guten Ton und hält gerade in Sachen Meinungsmache gegenüber Kollegen aus der eigenen Gilde stets die Contenance. Julia Boike, so viel ist klar, ist ein ausgeglichener Mensch. Aber kein überheblicher, was schnell deutlich wird, wenn sie über die erfolgreichen männlichen Kollegen ihres Schiedsrichterkreises spricht. Volker Höpp oder Matthias Kristek taugen seit Beginn ihrer Karriere an der Pfeife vor nunmehr sechs Jahren als Vorbild.

Dennoch sucht sie, die für den FFC Frankfurt pfeift, beständig nach ihrem eigenen Weg. Kein Wunder, kann sie auf dem Platz auch die Waffen der Frau einsetzen. Ihr unverkennbares breites Lächeln kann genauso für Ruhe sorgen, wie ihr „böser Blick“. Dennoch versucht sie vor allem über die kommunikative Schiene zu agieren. Ganz wie Kristek, bei dem sie lange in der Gruppenliga an der Seitenlinie stand.

Master-Studium auf Business-Campus von Greuther Fürth

Nun leitet Boike längst Spiele in der Verbandsliga. Einen Sprung, den sie auch dem Überwinden des inneren Schweinehunds zu verdanken hat. So sportlich wie ihr Kleidungsstil ist auch ihr Körper in Verfassung, weil sie extrem fokussiert auf die fitnesstechnischen Leistungsprüfungen hinarbeitet. Vor einem Jahr habe es Klick gemacht, nun kann sie mit genügend Vorbereitung die für Frauen ob der Statur anspruchsvolleren Prüfungen bestehen.

Bestanden haben wird Boike schon bald ihren Bachelor, den Master wird sie auf dem Campus von Zweitligist Greuther Fürth absolvieren. Einer Privat-Uni, auf der sie bereits erste Erfahrungen gesammelt hat. Am für einen normal konstituierten jungen Menschen nicht erschwingliche Studium beteiligt sich ihr Arbeitgeber. Auch an der Arbeitsstelle hinterlässt Boike Eindruck. Dann wieder kommen die Grübchen zum Vorschein. Frauen-Bundesliga. Das DFB-Logo auf der Brust. Die Ziele sind klar definiert. Sie müssen nur noch umgesetzt werden.

Autor: Johannes Götze

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