18.06.2017

Özdemir hat mit Friedberg viel vor

Verbandsliga Süd: Torjäger spricht klare Ziele aus

Baris Özdemir vor dem Heimspiel gegen den SV Geinsheim. Zum 6:0-Sieg steuerte er vier Treffer bei. Foto: Pedro Acebes.

Stürmer Baris Özdemir hat mit seinen 24 Jahren schon viel erlebt. 178 Hessenligaspiele mit 27 Toren und 22 Vorlagen stehen in seinem Lebenslauf. Momentan steht der gebürtige Frankfurter in der Verbandsliga Süd bei Türk Gücü Friedberg unter Vertrag, wo dem Torjäger nach seinem Wechsel vom Hessenligisten Rot-Weiß Hadamar nach der Winterpause in 13 Spielen 17 Tore gelangen.

Schon früh begann der Sohn türkischer Eltern im Frankfurter Nordwesten mit dem Fußballspielen und startete seine ersten Versuche beim FV 09 Eschersheim. Nach einem Intermezzo in der C-Jugend des SV Niederursel wurde die Jugendabteilung von Rot-Weiss Frankfurt auf ihn aufmerksam. Dort spielte er ab der C-Jugend in der Hessenliga und machte im Sommer 2010 als A-Jugendspieler unter Trainer Aleksandar Pajic bereits einen so guten Eindruck, dass der damalige Cheftrainer Ignjac Kresic den Jungspund parallel in die Erste Mannschaft beförderte. Einen Tag vor seinem 18. Geburtstag debütierte Özdemir in der Hessenliga am 17. August 2010 gegen Viktoria Urberach in der Ersten Mannschaft. Elf Tage nach seinem Debüt markierte der Youngster bei der 2:5-Niederlage gegen den SC Waldgirmes auch seinen ersten Treffer im Seniorenbereich. Trainer Kresic setzte auf den Newcomer und brachte ihn in zwölf Spielen bis zur Winterpause regelmäßig.

Nach der Winterpause unter Nachfolger Benjamin Sachs kam Özdemir nur noch zu drei Einsätzen. Das lag auch an einem Bänderriss, den sich Özdemir im Saisonverlauf zuzog. Seine Leistungen machten höherklassige Vereine auf ihn aufmerksam. "Ich war beim Zweitligisten FSV Frankfurt im Gespräch und absolvierte ein Probetraining bei Regionalligisten sowie beim damaligen Drittligisten SV Darmstadt 98 unter Trainer Kosta Runjaic", erinnert sich Özdemir. Letztlich kam ein Engagement im Profifußball nicht zustande, weswegen ihn seine nächste Station zur TGM/SV Jügesheim führte. Dort traf der junge Stürmer auf den ehemaligen Bundesligaspieler Lars Schmidt, der aus den Rodgauern eine Hessenliga-Spitzenmannschaft formte. Zwar durfte Özdemir in den drei Jahren in Jügesheim nur in 13 Spielen in der Anfangsformation mitwirken, wurde aber von seinem Trainer in fast jedem Spiel als Joker eingewechselt.

"Lars Schmidt hat mich geformt. Ich war der Edeljoker und musste um jede Minute Einsatzzeit kämpfen. Dennoch durfte ich 2014 Teil der Mannschaft sein, die Hessenliga-Meister wurde", klingt Özdemir stolz. Denn in den 85 Einsätzen wurde der Angreifer nicht weniger als in 72 Spielen eingewechselt, erzielte aber trotzdem zehn Tore. Das damalige Meisterteam mit Dolovac - Kohl, Krist, Puls, Salinas - Demirtas, Fliess - Schnitzer, Bellos, Özdemir - Amani sorgt bei Özdemir heute noch für Begeisterung und der Spieler denkt mit Bedauern daran zurück, dass der damalige Verein sein Aufstiegsrecht in die Regionalliga aus wirtschaftlichen Gründen nicht wahrnehmen wollte: "Das war eine sehr gute Spielergeneration, die den hessischen Fußball in der Regionalliga sehr gut vertreten hätte. Uns wurde diese Chance genommen und so löste sich das sehr gute Team auf und verteilte sich auf andere Vereine". Statt in die Regionalliga zu gehen, zogen sich die Jügesheimer freiwillig in die Gruppenliga Ost zurück und fusionierten 2016 mit dem Lokalrivalen TGS Jügesheim zum JSK Rodgau.

Nach dem Rückzug zog es Özdemir studienbedingt nach Darmstadt, sodass er bei Rot-Weiß Darmstadt unterschrieb. Im Waldspielpark war der Türke zwar unter Trainer Arndt Hornicek absoluter Stammspieler, erzielte in 19 Spielen zehn Tore. Trotzdem kam in der Winterpause der Saison 2014/15 der Wechsel zum SV Rot-Weiß Hadamar in den Westerwald. Dort spielten mit Florian Decise und Selim Aljusevic bereits zwei "Frankfurter", sodass dieses Trio fortan mit dem später hinzustoßenden David Sembene eine Fahrgemeinschaft in die Fürstenstadt bildete. "Ich wurde in Hadamar zum Stammspieler und die zwei Jahre waren schön. Die Leute haben mich gemocht", erzählt Özdemir. In Hadamar war Özdemir mehr der Vorbereiter, erzielte in 62 Spielen fünf Tore, legte aber 19 Treffer vor.

Positionswechsel führte zum Bruch mit Hadamars Trainer Florian Dempewolf

Hadamars Erfolgstrainer Florian Dempewolf wird von seinem Ex-Spieler Baris Özdemir kritisiert. Foto: Mithat Gürser.

Diese Qualitäten konnte er unter Trainer Walter Reitz zeigen, nach dessen Entlassung auch unter dem interimsmäßig eingesetzten Spielertrainer Steffen Moritz. Als zur neuen Saison der neue Trainer Florian Dempewolf an der Faulbacher Straße das Kommando übernahm, stellte der Übungsleiter Özdemir nicht mehr als Stürmer, sondern im linken Mittelfeld auf. "Ich war mit diesem Positionswechsel nicht einverstanden, weil ich dadurch mehr für die Defensive tun musste und mich der Trainer so meiner Stärken beraubte. Es kam deswegen zu Meinungsverschiedenheiten mit Dempewolf. Ich habe Anfang November dem Vorstand mitgeteilt, dass ich unter diesem Trainer nicht mehr spielen will", erzählt Özdemir. Seine Frankfurter Kollegen Selim Aljusevic und Florian Decise hatten den Verein mittlerweile verlassen, sodass auch die Anreise zu den Trainingseinheiten sowie zu den Spielen immer problematischer wurde.

"Die Fans und das Präsidium haben mich dann überredet zu kommen. Ich sagte ihnen aber, dass ich nur dann spiele, wenn der Verein mich braucht", erklärt Özdemir. So kam der Fußballer im Gastspiel beim FC Ederbergland noch einmal zu 24 Minuten Einsatzzeit, bevor Özdemir seine Zelte im Westerwald endgültig abbrach. "Ich habe in Hadamar immer alles gegeben. Dempewolf ist ein junger Trainer, der noch viel lernen muss. Vor allem, wie man mit gestandenen Spielern umgeht", spart Özdemir nicht mit Kritik an seinem Ex-Trainer, der immerhin die Hessenliga-Saison mit Hadamar auf Rang sechs abschloss und im Hessen-Pokal-Finale den Drittligisten SV Wehen Wiesbaden am Rande einer Niederlage hatte (1:1/4:5 im Elfmeterschießen). Die Tatsache, dass Özdemir in der Mainmetropole eine Ausbildung begann, führte ihn auch fußballerisch wieder in das Rhein-Main-Gebiet, genauer gesagt in die Wetterau.

In der Verbandsliga Süd hatte Trainer Mustafa Fil im November Türk Gücü Friedberg übernommen und rang mit der Mannschaft gegen den Abstieg. "Mustafa Fil wollte mich auch schon nach Oberrad holen. Da ich die Ausbildung angefangen habe, wollte ich wieder Spaß am Fußball haben. Deswegen habe ich in Friedberg zugesagt", erklärt Özdemir. Der Stürmer schlug in der nominell stark besetzten Truppe voll ein, trug mit seinen 17 Toren in 13 Spielen wesentlich zum Klassenerhalt bei, der erst zwei Wochen vor Saisonende endgültig feststand. "Ich fühle mich hier sehr wohl und gebe alles dafür, dass wir unsere Ziele erreichen können. Ich bin Teil dieses Projektes und bekenne mich zum Ziel Hessenliga-Aufstieg. Wir verstärken uns gerade mit sehr guten Spielern und haben mit Mustafa Fil und Gültekin Cagritekin ein sehr gutes Trainerteam", ist Özdemir von den Möglichkeiten bei den "Türken" überzeugt und spricht eine gewagte Theorie aus: "Mit der Mannschaft der Rückrunde hätten wir in der Hessenliga einen Platz unter den ersten Acht belegt. Das Niveau in der Verbandsliga Süd ist nur 5-10 Prozent niedriger. Die Hessenliga ist nur professioneller, weil beispielsweise die Spiele aufgenommen werden".

Als Vorbild für sein Selbstbewusstsein dient auch sein Bruder Özgür, der türkische U21-Nationalspieler. Der 22-jährige steht in Österreich beim Erstligisten SV Ried unter Vertrag, schaffte den Sprung in den Profifußball über die U19 von Eintracht Frankfurt und die U23 des 1. FC Nürnberg. "Ich lerne von ihm, er lernt von mir. Wir versuchen uns gegenseitig ein gutes Vorbild zu sein", erzählt Özdemir, der den jüngeren Bruder in der Alpenrepublik oft bei Spielen besucht: "Ich bin dankbar dafür, dass ich den Schritt zum Profifußballer in ihm erleben darf".

Autor: Pedro Acebes

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